Erschienen auf freitag.de, 22.10.26, Illustration oben: der Freitag
Die Website sieht so aus, als wäre man ins Mittelalter des Internets zurückgebeamt worden. Schwarzer Hintergrund, nur Text. Eigentlich würde jeder nicht programmierende Mensch diese anonyme Website mit dem Namen „hexane.cc“ sofort wieder wegklicken, wäre ihre Überschrift kein Versprechen: „Interne Unterlagen, vollständig veröffentlicht.“
Mutmaßlich wurde diese Website von jenen Hackern erstellt, die Ende September bei einem Hosting-Dienstleister der AfD interne Mails in großem Umfang erbeutet haben. Mehr als 421.000 E-Mails aus zehn AfD-Postfächern sind im Netz gelandet – sie stammen sowohl von einfachen Parteimitgliedern als auch von Parteichefin Alice Weidel oder früheren Parteichefs wie Jörg Meuthen und Alexander Gauland.
Neben viel Alltäglichem finden sich darin auch rassistische Äußerungen oder Details zu juristischen Streitigkeiten, etwa zum Umgang mit Spendenaffären oder Parteiausschlussverfahren.
Wer hinter dem Hackerangriff steckt, ist noch unklar. In einer Nachricht an das Onlineportal „International Cyber Digest“ erklärten die vermeintlich Verantwortlichen, sie hätten die Server auch zerstören können. Ihr Ziel aber sei gewesen, die „Degeneriertheit und Scheinheiligkeit“ der AfD offenzulegen. Angeblich sei ihnen auch von einem Unbekannten eine hohe Geldsumme geboten worden, um die Website wieder offline zu nehmen – was sie abgelehnt hätten.
Inzwischen verbreiten immer mehr User die geleakten E-Mails im Netz. „International Cyber Digest“ veröffentlichte etwa auf X eine Mail, in der ein AfD-Bundestagsabgeordneter Alice Weidel geraten haben soll, eine Spende als verzinstes Darlehen in der Schweiz zu verbuchen, um so die Offenlegungspflicht zu umgehen. Den Betreff der Mail formulierte der Abgeordnete so: „Juristischer Umweg / buchhalterische Gestaltung Spendenaffäre“.
Auch die Verbundenheit zum Nationalsozialismus einiger AfD-Politiker legt das Daten-Leak offen. Da gibt es etwa einen Ortschef, der wegen einer „Heil Hitler“-Weihnachtskarte zurücktreten musste. Der frühere AfD-Chef Alexander Gauland soll in einer E-Mail wiederum über eine „Hitler-Wallfahrt“ geschrieben haben, bei der Mitglieder mit einer Hakenkreuz-Flagge fotografiert worden seien.
Und dann ist noch folgender Mailbetreff aufgetaucht: „Verkauf von Hakenkreuzfahnen und Drogen am Infostand in Bottrop durch Kreisvorstandsmitglied – Maßnahmen erforderlich.“
Die AfD bestätigte bereits den Hackerangriff, wobei der Informationsabfluss rasch erkannt und beendet worden sei. Außerdem wären nur „einige wenige Mailpostfächer“ betroffen, wie ein Parteisprecher mitteilte. Auch wenn die AfD den Vorfall offenbar herunterzuspielen versucht, markiert er doch ein massives Datenleck für die Partei. Nicht nur viele E-Mails sind plötzlich einsehbar, sondern auch persönliche Daten von Parteimitgliedern oder Kontoauszüge mit Spendernamen.
Kaum überraschen dürfte, dass die erbeuteten Mails erneut belegen, wie weit sich die AfD in den vergangenen Jahren radikalisiert hat. So dokumentieren die geleakten Mails einen Ausschlussantrag gegen ein Parteimitglied in Bottrop, das im März 2025 versucht haben soll, an einem Wahlkampfstand eine Hakenkreuzflagge zu verkaufen.
Auch enthält das Material laut ZDF Frontal E-Mails zum Parteiausschlussverfahren gegen den Bundestagsabgeordneten Matthias Helferich aus Nordrhein-Westfalen, der sich in internen Chats selbst mal als das „freundliche Gesicht des NS“ bezeichnet hat. Obwohl ein Parteikollege rassistische Äußerungen Helferichs gesammelt hatte und diese Liste auch von einem Landesvorstandsmitglied in NRW unterzeichnet wurde, ist Helferich nicht aus der Partei geflogen, sondern lediglich mit einer vorübergehenden Ämtersperre belegt worden.
Welche Auswirkungen der Hackerangriff für die AfD hat, muss sich noch zeigen, zumal sich vieles auf längst bekannte Vorgänge bezieht: Parteiausschlussverfahren, Spendenaffären, rassistische Äußerungen. Sollten sich in den Mails neue verfassungswidrige Inhalte befinden, müsste noch geklärt werden, ob sie vor Gericht verwertbar wären – schließlich sind die Mails wohl unrechtmäßig erbeutet worden. Dennoch kann das Material aus dem Daten-Leak die Debatte um ein Parteiverbot weiter befeuern.
Ein ähnlicher Effekt wie in den USA während des Präsidentschaftswahlkampfs 2016 ist aktuell nicht zu erwarten. Hacker, wohl im Auftrag des Kremls unterwegs, hatten damals das E-Mail-Konto von Hillary Clintons Wahlkampfmanager gehackt und interne Mails auf Wikileaks veröffentlicht. Der Skandal führte in einem aufgeheizten politischen Klima zu weiterer Polarisierung und einer starken Mobilisierung der Clinton gegenüber ohnehin negativ eingestellten öffentlichen gesellschaftlichen Kreise.
Für die Beliebtheit der AfD, die in Umfragen gerade der Union enteilt, dürfte die aktuelle Affäre dagegen kaum Auswirkungen haben. Schon in der Vergangenheit hat der Partei kaum etwas geschadet, ob persönliche Verbindungen zu gewaltbereiten Neonazis, falsch verbuchte Parteispenden oder interne Querelen, die nach außen dringen: Ihre Unterstützer und Wähler halten der AfD die Treue.
Auch der von der Partei selbst erwünschte Normalisierungsprozess scheint schon in vollem Gange zu sein. Vermeintliche Skandale sind für ihre Wählerschaft – und manchmal auch für die gesellschaftliche Mitte – längst nur noch Randnotizen.