Erschienen auf freitag.de, 24.10.26, Illustration oben: der Freitag
Eigentlich lief für die AfD gerade alles bestens. In Sachsen-Anhalt sitzt ihr Kandidat auf dem Platz des Landtagspräsidenten – auch wenn er sich gleich in seiner ersten geleiteten Sitzung viel mehr für sein Smartphone interessierte als für die professionelle Repräsentation seiner Partei.
Dennoch stehen dank des BSW und eventuell auch der CDU die Chancen gar nicht schlecht, dass die AfD bald ihren ersten Ministerpräsidenten stellen wird. Aber Moment: Nun scheint sie erst einmal von ihrer Vergangenheit eingeholt zu werden. Seit Hacker Ende September mehr als 421.000 interne E-Mails erbeutet haben, von denen aktuell immer mehr professionell ausgewertet werden, erwachen alte Geister, die viele in der AfD für tot gehalten haben.
Gerade für Parteichefin Alice Weidel dürfte das Datenleak äußerst ärgerlich sein. Ihre leidige Spendenaffäre von 2018 wird so wieder hochgespült. Damals waren dubiose Spenden aus der Schweiz auf dem Konto ihres Kreisverbandes eingegangen, weshalb die Partei fast 400.000 Euro Strafe zahlen musste.
Ihr damaliger Co-Fraktionsvorsitzende Alexander Gauland hielt zu ihr, was Weidel vermutlich den Posten sicherte. Die geleakten Mails legen nun nahe, dass Weidel früher von Zahlungen wusste, als sie behauptete. Das dürfte so manche interne Konkurrenten in ihren Zweifeln gegen die Parteichefin stärken.
Bislang bringen die geleakten Mails wenig wirklich Neues an die Oberfläche, trotzdem könnten alte Wunden innerhalb der Partei wieder aufgerissen werden. Hinzu kommen neue mögliche Beweise für die Verfassungswidrigkeit der AfD, sollte es künftig ein Verbotsverfahren geben. In den Mails geht es schließlich nicht nur um Spendenaffären.
Manche der E‑Mails zeigen einmal mehr, welche tiefe Verbundenheit Teile der Partei zum Nationalsozialismus pflegen – etwa wenn ein AfD-Ortschef wegen einer „Heil Hitler“-Weihnachtskarte zurücktreten musste.
In einer Nachricht an das Onlineportal „International Cyber Digest“ erklärten die vermeintlich Verantwortlichen für den digitalen Raubzug, es sei ihr Ziel gewesen, die „Degeneriertheit und Scheinheiligkeit“ der AfD offenzulegen. Das ist ihnen bereits gelungen.
Allerdings dürfte auch diese Affäre höchstens nur für mehr Polarisierung rund um die AfD sorgen. Vermutlich hat die AfD schlichtweg schon zu viele Beweise für ihre völkische Einstellung und ihre ablehnende Haltung gegen die liberale parlamentarische Demokratie erbracht, dass auch ein weiterer Skandal nichts an ihrem aktuellen Höhenflug ändern wird.
Jetzt liegt es in der Verantwortung des Staates, diese vielen gebündelt vorliegenden Beweise ernst zu nehmen und endlich ein Verbotsverfahren anzutreiben.