Erschienen in DUMMY Magazin, Ausgabe 91: Verschwinden; Foto oben: DUMMY
Teil 1: Die Neue zieht ein
Bisher hatten wir drei nicht so tolle Erfahrungen gemacht. Unsere letzten WG-Mitbewohner interessierten sich eher für Berlins Partyleben. Putzen und pünktlich Miete zahlen war nicht so ihr Ding. Deshalb wollten wir nun endlich jemanden finden, der nicht nur Glitzerspuren im Flur hinterlässt. Also postete Dominik: Wir suchen eine neue Mitbewohnerin für unsere Kreuzberger WG. Bitte meldet euch, wenn ihr jemand Nettes kennt. Prompt schrieb Sandra zurück, die Dominik von früher kannte. Oder zumindest zu kennen glaubte. Hej you! Ewig nichts mehr gehört. Dein Post bzgl der Wohnung kommt wie gerufen! Ich bin wieder just in town, suche ganz dringend ab sofort.
Dominik hatte Sandra als lustiges Mädel mit Trainingsjacke und Sneakern abgespeichert. Ein Kumpeltyp und wie wir drei in den Dreißigern, sagte er. Das würde sicher passen. Keiner von uns ahnte, wie viel Energie, Geld und Zeit uns unsere neue Mitbewohnerin in den nächsten Monaten kosten sollte – und dass wir wie Detektive quer durchs Land fahren würden.
Sandra war total begeistert von dem WG-Zimmer, als sie zum ersten Mal zu uns kam. Nach Jahren zwischen Hamburg und Berlin wollte sie endlich mal ankommen. Sie redete viel und schnell. Von fremden Ländern, Reisen nach Kalifornien, Häusern mit Pools. Ich lernte Sandra erst bei ihrem Einzug kennen. Sie brachte nur zwei Taschen mit, wirkte gestresst: gerötetes Gesicht, Augenringe, zerzauste, hellblond gefärbte Haare. Die Bahn in Hamburg hätte gestreikt und jetzt müsste sie auch noch auf den Schlüsseldienst warten, um in die Berliner Agentur zu kommen, bei der sie arbeiten würde. Ihr Auftritt schien mir ziemlich weird, aber ich nickte nur. Die erste Miete hatte Sandra da noch nicht überwiesen, ebenso wenig die vereinbarten 900 Euro Kaution. Sie wolle das bald erledigen, versicherte sie mir. Stattdessen stand kurz darauf ein Blumenstrauß in unserer gemeinsamen Küche. Uns schien: Sandra war gekommen, um zu bleiben.
Wir wussten nicht viel über Sandra. Einmal erzählte sie eine Geschichte über einen Ex, der sich mies verhalten hätte, ein anderes Mal äußerte sie sich besorgt über ihr freiberufliches Dasein in der Medienbranche. Jeden Abend trank sie Weißwein. Manchmal starrte sie mit glasigem Blick an die Küchenwand. Irgendetwas schien sie zu bedrücken, aber keiner von uns fragte nach. Dazu war ja noch Zeit, dachten wir.
Wenige Tage später erzählte mir Sandra, sie würde übers Wochenende auf ein Haus im Grünen aufpassen. „Urlaub gegen Hand“ hieß die Internetseite, über die sie dieses Angebot gefunden hätte. Dominik dagegen, so stellte sich später heraus, hatte sie gesagt, sie müsste nach Kiel für einen Filmdreh ihrer Agentur. Nach dem Wochenende blieb Sandra verschwunden. Zum ersten Mal begannen wir, unsere neue Mitbewohnerin zu suchen.
Teil 2: Der Schmuck ist weg, die neue WG-Mitbewohnerin auch
Sandra war wie vom Erdboden verschluckt, und wir machten uns Sorgen. Wir schrieben ihr über WhatsApp und SMS, falls sie dort, wo sie war, kein Internet hatte. Wir versuchten, sie anzurufen. Keine Reaktion. Tagelang ging das so.
Und dann stand sie plötzlich wieder vor unserer Tür und erzählte uns ganz aufgelöst, dass ihre Handtasche im Zug geklaut worden sei. Mit ihrem Ausweis, Bankkarten, ihrem Handy. „Als ob meine Identität gestohlen wurde!“ Wir fanden sie arg dramatisch, aber wollten in ihrer misslichen Lage nicht noch die ausstehende Miete erwähnen. Ein paar Tage später lag das Geld in bar auf dem Küchentisch, dazu ein Brief. Es tue ihr „voll leid“. Neben dem Brief standen frische Nelken. Kurz dachten wir, es würde alles gut werden mit unserer neuen Mitbewohnerin – bis Sandra wieder verschwand. Einfach so, ohne Vorwarnung, ohne Erklärung. Wieder versuchten wir, sie zu erreichen. Wieder reagierte sie auf keine Nachricht.
Nach einigen Tagen gingen wir in ihr Zimmer und sahen überall auf ihrem Schreibtisch ungeöffnete Briefe. Briefe, die an alle möglichen Menschen adressiert waren, nur nicht an sie. Auf einem Brief stand die Adresse der Agentur, bei der Sandra arbeitete. Also riefen wir dort an und erzählten, dass wir Sandra suchten. „Das geht uns genauso“, antwortete eine Mitarbeiterin. Aber bei ihnen sei nicht nur Sandra fort, sondern mit ihr ein teurer Scanner und ein Laptop. In diesem Moment wurde uns wirklich mulmig. Wen zur Hölle hatten wir uns da in die WG geholt?
Wieder saßen wir am Küchentisch und machten uns Sorgen. Diesmal nicht um Sandra, sondern um uns. Wir wussten fast nichts von ihr. Und vielleicht wäre diese Geschichte hier zu Ende gewesen – wenn ich nicht nach meinem Erbschmuck geschaut hätte. Dem einzig Wertvollen, das ich besaß. Ich hatte ihn in einer kleinen Schachtel in meiner Kommode verstaut. Nun war die Schachtel leer. Ich durchwühlte Sandras Habseligkeiten, fand aber weder das goldene Armband meiner Oma noch die Kommunionskette meiner Mutter. In diesem Moment war ich sicher: Sandra hatte meinen Schmuck geklaut, in einem Leihhaus zu Geld gemacht und damit ihre erste Miete bezahlt. Unglaublich wütend, schwor ich mir, Sandra zu finden. Koste es, was es wolle.
Nach vielen Anrufen rückte eine Bekannte mit der Sprache raus, wo Sandra sich vermutlich aufhalten könnte: in einer kleinen Stadt an der Ostsee, bei einem Typen, den sie am Strand kennengelernt hatte. Ein Blick auf Sandras neuen Instagram-Account schien das zu bestätigen: schickes Essen, Sonnenuntergänge am Meer und eine Pferdeskulptur im Garten. Sandra am Strand, mit einem Weinglas in der Hand und einen Typen knutschend. Hashtags: #couplegoals #küstenverknallt
Wir fackelten nicht lange, setzten uns zu dritt ins Auto und fuhren los.
Teil 3: Die Suche in der Strandbar und das Pferd im Garten
Auf dem Weg ans Meer blieb uns genug Zeit für einen Plan: Welche Infos hatten wir in den letzten Wochen bekommen? Was hatten uns Sandras ehemalige Kollegen, Freundinnen und Bekannte erzählt? Immer wieder checkten wir Sandras Instagram-Account. Setzten uns ihr neues Leben zusammen aus zig verschiedenen Puzzleteilchen.
Vor Ort aber war alles viel weitläufiger als gedacht. Wir liefen umher, schauten über Zäune, hinter Hecken. Keine Spur von Sandra. Am Abend gingen wir zu der Strandbar, die wir von ihren Instagram-Fotos kannten. Wir bestellten Bier und zeigten der Kellnerin ein Bild von Sandra. „Klar, das ist das Weinschörlchen!“, rief sie und nannte uns einen Ortsteil, in dem ein Haus mit Pferdeskulptur stehen sollte.
Am nächsten Morgen suchten wir alles ab, fanden aber nichts. Plötzlich sah Dominik die Kellnerin. „Es ist das da“, erklärte sie uns und zeigte auf ein weißes Einfamilienhaus. „Die schuldet euch Geld, oder?“
Hinter der Hecke erkannten wir, viel kleiner als erwartet, die Pferdeskulptur auf Sandras Instagram-Foto. Wir klingelten. Niemand öffnete. Wir klopften an die Scheibe. Endlich ging die Tür auf. Ein Mann mit kantigem Gesicht stand vor uns. Nicht ihr neuer Freund, sondern ihr neuer Arbeitgeber, bei dem sie „Urlaub gegen Hand“ gemacht hatte, wie sich später herausstellte. „Wir suchen Sandra“, sagten wir synchron. Der Mann schien nicht überrascht zu sein. „Das ist wegen etwas Privatem, oder? Die ist bei mir im Autohaus. Gleich hier um die Ecke.“
Im Autohaus: keine Sandra. Aber im Hof: Da war sie. Fast wirkte es surreal. Sandra saß in einem SUV und erklärte einer älteren Dame das Autoradio. Als sie uns sah, versteinerte ihre Miene. „Gehen wir zu mir, da können wir sprechen“, sagte sie. Auf dem Weg redete Sandra ohne Punkt und Komma. Von einer schweren Kindheit, von einer Mutter, die sie früh weggegeben hätte, von einem Leben, in dem sie nie jemandem vertraut hätte. Und von Klinikaufenthalten, die sie als Freiberuflerin in den Ruin getrieben hätten. 50.000 Euro würde sie dem Finanzamt schulden. Irgendwann fragte ich sie nach meinem Schmuck. „Ich schwöre, ich habe ihn nicht genommen.“ Bei ihr zu Hause angekommen, drückte Sandra uns 400 Euro in die Hand. Als kleine Entschädigung für die Mietschulden. Am Abend saßen wir drei wieder in der Strandbar. Ernüchtert, aber irgendwie tat sie uns auch leid, trotz allem.
Sieben Tage nach unserem Besuch postete Sandra ein neues Foto. Aus einem Krankenhaus. In Schwarz-Weiß. Schmerzmittel in ihrer Hand. Wenn man meint, man ist auf einem richtig guten Weg, klopft das Leben unerwartet an die Tür und sagt „Fuck you“. Ich sage auch: FUCK YOU!
Zu unserem Mitleid kam nun wieder die Sorge um Sandra hinzu. Wir baten eine Freundin, im Autohaus anzurufen, den Lautsprecher auf laut. Es klingelte ein paar Mal, dann hörten wir Sandras gut gelaunte Stimme: „Autohaus Heinz, wie kann ich helfen?“